p.ost

how to tell the biblical story in a way that makes a difference

Das neue Jerusalem als politische Mitte des neuen Imperiums — vor dem Ende der Zeit

[German translation by Helge Seekamp of “More on the new Jerusalem in the midst of the nations”.]

Die Verse 22-26 in Off. 21 beschreiben wie das neue Jerusalem von den Völkern umgeben gewissermaßen um Zentrum der Welt liegt. Die Nationen führen ihre politischen Geschäfte im Licht dieser Stadt, die Könige dieser Völker tragen ihren „Ruhm und Ehre“ in diese Stadt hinein. Trotz der Tasache, dass die Stadttore immer geöffnet bleiben, wird nichts unreines noch irgendeine verabscheuungswürdige oder falsche Person die Stadt betreten.

Kürzlich vertrat ich die These, dass die 2. Vision des neuen Jerusalems (Off. 21, 9-22,5) der geschichtlichen Ordnung angehört, während dessen die 1. Vision (Off. 20,11 -21,8) von der endgültigen Erneuerung der Schöpfung handelt.

Meine Begründungen:

1. Die 2. Vision wird Johannes von demselben Gerichtsengel, der gegen Rom Gericht angekündigt hatte, verkündet. Einer dieser Engel zeigte ihm das „Gericht der großen Prostituierten“ in ähnlicher Art (Off. 17, 1-3): diese neue Stadt überwindet das heidnische Rom.

2. Die 2. Vision lässt Hesekiels Vision der erneuerten Stadt samt Tempel inmitten der Nationen ausdrücklich anklingen (Hes. 39,21; 40-48);

3. Gottes Diener „herrschen“ in dieser 2. Vision (Off. 22,5), was wieder nur solange sinnvoll ist, als es Feinde gibt.

4. Und die bleibende Anwesenheit von heilungsbedürftigen Nationen sowie wahrscheinlich auch unreiner Dinge oder böser Menschen (21, 24-27) spricht für diese Deutung.

Kommentatoren stimmen allgemein zu, dass im Hintergrund dieser Szene das „Thema von Königen und Nationen dieser Welt“ steht, die „eine eschatologische Völkerwallfahrt machen, um das Licht und die Herrlichkeit Gottes in Jerusalem aufzusuchen“ (D.E. Aune, Revelation 17-22, 1171). Hauptbeleg ist Jesaja 60,3: „Und die Heiden werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht.“

In dieser Szene ist die Unterscheidung zwischen Stadt und Völkern eindeutig, man kann sie nicht miteinander vermischen. Die Nationen kommen nicht, um Bürger dieser Stadt zu werden, sondern um deren Herrlichkeit zu sehen, deren König Tribute zu bringen und von den Verfahren gerechten Gerichtswesens und ihrer Friedenspolitik zu lernen. Damit gehen sie dann wieder nach Hause zurück.

Aune führt weiter an, dass diese „Völkerwallfahrt der Könige auf Erden zum neuen Jerusalem die Existenz der Völker wie deren Könige und den Ort des eschatologischen Jerusalems auf Erden voraussetzt“. Alles wird also innerhalb des altorientalischen Konzepts politischer Realitäten konstruiert.

Mounce bemerkt die Schwierigkeit, die der Vers mit den weiterhin anwesenden unreinen Heiden außerhalb der Stadt macht:

Das Problem, das sich aus den Versen 24-26 (in Kombination mit 22,2 und 22,15) ergibt, besteht darin dass die Heiden außerhalb Jerusalems nach dem Endgericht erscheinen, der Überwindung des Bösen und Wiederherstellung des neuen Himmels und der neuen Erde. Wer also sind diese auf die hier Bezug genommen wird? (R. Mounce, The Book of Revelation, 396).

Er durchdenkt vier Lösungen:

1. Literarkritische Hypothese: Off. 21:9-22:5 ist ein nur leicht überarbeitetes jüdisches Dokument, das „die Erwähnung von Heiden aufbewahrt, die auf der Erde als Untertanen des Gottesvolkes im messianischen Reich bleiben“. Mounds fragt sich aber, warum ein christlicher Redaktor die unerlösten Heiden nicht entfernt hat.

2. Die Nationen sind „erlöste Völker“. Das wieder funktioniert nicht aufgrund der Logik, dass die Erlösten innerhalb der Stadt leben. Außerdem füge ich noch hinzu, dass ausdrückliche Bezüge auf Dinge erwähnt werden, die unrein sind, auf Personen, die Gräuel tun (wahrscheinlich Anspielungen auf sexuelle Unmoral) und auf Falschheit, die die Stadt nicht betreten. Diese Verse blendet Mounce einfach aus.

3. Es handle sich um ein Bild universeller Rettung. „Gott ist nicht zufrieden damit, einige Märtyrer zu retten und den Rest der Menschheit mitsamt aller menschlicher Kultur verloren zu geben. „Mounce denkt, hier sei zu viel in einige „zufällige Referenzstellen“ hineininterpretiert worden. Meiner Meinung nach hängt es auch vom Verständnis dessen ab, was wir unter „Rettung“ verstehen. Auf dieser herausgehobenen geo-politischen Ebene sieht „Rettung“ eher wie eine wiederhergestellte Stadt aus, die nicht nur das alte rebellische Jersualem, sondern auch das dekadente Rom als herrliche Hauptstadt des neuen Empires des JHWE ersetzt.

Prophetie spricht nicht von einer transzendenten Zukunft in Begrifflichkeiten historischer Bedingungen, sondern sie spricht von zukünftigen geschichtlichen Bedingungen.

4. Mounces eigene Ansicht ist, dass „Johannes von den Propheten eine Sprache und sprachliche Gestalten übernommen hat, die das Fortbestehehen heidnischer Völkern auf Erden nach der eschatologischen Ära voraussetzte.“ Prophetie spricht vom der Zukunft „in geschichtlich bedingten Begriffen der Gegenwart“, und daher „hat Johannes unvermeidlich gewisse Elemente bewahrt, die dem neuen Setting eigentlich unangemessen sind“. Diese Ansicht ist aber kaum eine Verbesserung seines ersten Vorschlags. Sie impliziert, dass Johannes genauso schluderich wie der angenommene Redaktor mit jüdischen Texten umgeht. Und noch einmal: Tatsache ist es, dass Johannes nicht nur die Anwesenheit der Völker wiederholt, sondern er lässt ausdrücklich die bleibende Realität unreiner oder „gemeiner“ (koinon) Gegenstände sowie Personen dubiosen Charakters zu.

Koester argumentiert, dass Johannes zu einer Zeit schreibt, in der die Mächte des Bösen noch aktiv waren. Diese Passage warnt also, „dass diejenigen die die Wege des Bösen aufnehmen, sich selbst erniedrigen, sich selbst unfähig machen, in Gottes Gegenwart zu treten (C.R. Koester, Revelation, 833). Möglicherweise, aber in dieser Logik denken nicht die alttestamentlichen Vorfahren. Die eschatologische Erneuerung Jerusalems lässt den Fortbestand des Bösen zu, schließt ihn aber von der Stadt oder dem Heiligtum aus.

Jes. 52,1: „Wach auf, wach auf, Zion, zieh an deine Stärke! Schmücke dich herrlich, Jerusalem, du heilige Stadt! Denn es wird hinfort kein Unbeschnittener oder Unreiner zu dir hineingehen.“

Hes. 44,9: „9 Darum spricht Gott der HERR: Es soll kein Fremder mit unbeschnittenem Herzen und unbeschnittenem Fleisch in mein Heiligtum kommen von allen Fremdlingen, die unter den Israeliten leben.“

Joel 4,17: „Und ihr sollt’s erfahren, dass ich, der HERR, euer Gott, zu Zion auf meinem heiligen Berge wohne. Dann wird Jerusalem heilig sein, und kein Fremder wird mehr hindurchziehen.“

Sach. 14, 21: „Und es werden alle Töpfe in Jerusalem und Juda dem HERRN Zebaoth heilig sein, sodass alle, die da opfern wollen, kommen werden und sie nehmen und darin kochen werden. Und es wird keinen Händler (Canaanite) mehr geben im Hause des HERRN Zebaoth zu der Zeit.“

Mir erscheint es wahrscheinlich, dass Off. 21, 27 als Antwort funktionieren soll auf die Frage der vorausgehenden Beschreibung über die Nationen und die bleibend offenen Tore des neuen Jerusalems. Meinte eine solche Behauptung nicht, dass verletzende Elemente heidnischer Lebensart ihren Weg in die Stadt finden könnten? Johannnes sagt ausdrücklich nicht, dass diese Dinge im Feuersee zerstört worden waren, was die naheliegende Reaktion gewesen wäre, wenn denn diese Szene dieselbe Welt beschreiben würde, wie sie in Off. 21, 1-8 erzählt ist. Er sagt nur, dass solche Dinge nicht in die Stadt kommen. Aber sie bleiben eine reale Bedrohung.

Weiterhin müssen wir den folgenden Abschnitt in Betracht ziehen, der meiner Meinung nach zum selben Szenario gehört: „Selig sind, die ihre Kleider waschen, dass sie teilhaben an dem Baum des Lebens und zu den Toren hineingehen in die Stadt. Draußen sind die Hunde und die Zauberer und die Unzüchtigen und die Mörder und die Götzendiener und alle, die die Lüge lieben und tun“ (Off. 22, 14-15).

Koester wiederum denkt, „dass wenn es beschreibend gelesen würde, als ein Bild des außerhalb der Stadttore der neuen Schöpfung verbleibenden Gottlosen, dieser Vers inkongruent sei“, so dass er vorschlägt, dass er einfach dazu konstruiert wurde, Menschen von Sünde zur Umkehr zu bewegen (855). Wenn dies aber nicht die „neue Schöpfung“ ist, sondern das neue geschichtliche Zeitalter der politisch realisierten Gegenwart Gottes und des Lammes inmitten der Nationen des Empires, ist diese angestrengte und tendenziöse Interpretation unnötig.

Die offensichtliche Lösung ist diese: Johannes teilt hier wirklich die jüdische prophetisch-apokalyptische Vorausschau. Er überarbeitet die prophetische Sprache innerhalb der natürlichen Begrenzungen ihres geschichtlichen Geltungsbereichs mit dem Ziel, das Ende der jüdischen 2.-Tempel—Epoche und der Anbruch des Szenarios der Epoche des Christlichen Europas. Prophetie spricht nicht von einer transzendenten Zukunft in Begrifflichkeiten historischer Bedingungen, sondern sie spricht von zukünftigen geschichtlichen Bedingungen.

Bis also ein neuer Himmel und eine neue Erde anbrechen, wird Gott inmitten der Nationen leben — nicht im Alten Jerusalem, welches schon oder bald zerstört sei — sondern in einem neuen Jerusalem, welches die Kirche ist, die die grausamen Mächte des heidnischen Empires überwunden hat. Die Nationen werden durch „Jerusalems“ Licht ihr Leben führen wie sie es in Wahrheit über 1500 Jahre getan haben (das christliche Rom). Und die Könige der Völker werden ihre Herrlichkeit in die Stadt bringen, wie sie es wahrlich 1500 Jahre lang machten. Diese Interpretation entspricht der 3. Perspektive von Aune, in der die jüdischen Erwartungen hinsichtlich des Platzes der Heiden in einem eschatologischen Szenario so aussehen: „die Heiden als Untertanen Israels und als Wallfahrer nach Jerusalem, um ihren Tribut zu zahlen.“(1172)

Zuguterletzt noch die Beobachtung, dass da die Blätter der Bäume am Ufer des Flusses sind, der vom Thron Gottes und des Lammes fließt, zur „Heilung der Nationen“ (Off. 22, 2). Aune sagt, dass diese „Anspielung einfach nur mechanisch sei… weil es keinen wirklichen Platz mehr in dem eschatologischen Schema der Offenbarung für die „Heilung der Nationen“ — als deren Umkehr konstruiert — gäbe (1178). Vielleicht ja nicht deren Umkehr, aber ihre geo-politische Wiederherstellung.

Die Nationen waren gründlich destabilisiert und zu Grund gerichtet worden durch die römische Vorherschaft. Die vorausgesehene Anbetung des lebendigen Gottes und seines Sohnes und der Aufbau einer neuen Kultur, einer neuen Weise der Lebensführung im Licht des neuen Jerusalems, würden deren Heilung letztlich herbeiführen.